Fehlfarben “Glücksmachinen”: Nicht Trumpf, anders geblieben und eben deswegen Glücksmaschinen

Fehlfarben Promo2 300dpi RGB credit Kim Frank sh

Nach einer ausgedehnten, genialen Mittagspause kamen Peter Hein, Thomas Schwebel, Uwe Bauer und Markus Oehlen die Idee, eine wegweisende Band zu gründen. Zugegeben, dass die Band wegweisend sein würde, war ihnen sicherlich bewußt, auch wenn es ihre Bescheidenheit nicht erlaubt, dies verbal zu offenbaren. Aber dass sie einunddreizig Jahre nach ihrer Gründung immer noch vor dem Puls der Zeit existieren, hätten sie wohl eher weniger ge-, besser erdacht.

Man mag sich auch fragen, ob es Peter Hein nicht doch eher peinlich ist, als Texter in einem Atemzug mit Herbert Grönemeyer genannt zu werden, wenn es um die Top 5 der besten deutsch sprachigen Lyriker musikalischer Natur geht. Eine Freundin meinerseits, geborene Australierin, Exil-Berlinerin, meinte einmal Bezug nehmend auf Peter Hein: “Nick Cave wird für das, was er schreibt bei uns (in Australien, Anm. d. R.) verehrt. Hier in Deutschland habe ich zu oft das Gefühl, dass Menschen wie Peter auf dem Altar des Populismus geopfert werden.”.

Once upon a time … 1979 … Fehlfarben erhoben sich aus dem Sumpf des überschwappenden Punks, setzten Maßstäbe, erkannten als erste den Tod des, sich als Norm definierenden Punk, bewegten sich in neue Gefilde und … ja und? Irgendwie gingen sie bei den meisten Mithörern unter. So verkam “Gottseidank nicht in England” zur eigenen Untergangshymne. “Bild dir ein du bist Lotse und hälst das Steuer, mitten auf dem Ozean spielst du mit dem Feuer…”

Fehlfarben gingen vielleicht im Überangebot an Information, -Beschaffungszwang und Bands, die diesem populistisch nachkamen, unter, aber nur im Kopf der Rezipienten. Sie selber, so glaubt der bescheidene Schreiber dieses Artikels, haben das Fehlen von überkompensierter Aufmerksamkeit eher genossen.

Ein neues Jahrtausend erhob sich aus den wuchtigen Schenkeln einer Jugendkultur, deren prägnantestes Merkmal als “irrelavent” zu bezeichnen ist, aber immerhin mit der inbrünstigen Attitüde des Nichts-Klassikers “Tango 2000″.

“Knietief im Dispo” hieß 2002 die Antwort der Fehlfarben. Zwischen rheinischen Schläfern, die Bier trinken, dem Club der schönen Mütter, endlich mal Musik mit Geschmack, der Gewissheit, dass sowieso alles irgendwo d’rin steht, der Frage, ob sich eine Persönlichkeit, zwischenzeitlich voll auf Aspirin, in der Geldwäscherei wiederfindet, neben einer gehängten Schnöselmaschine und Schamhaaren sah ich die Arschkarte als Chance.

Das erste Mal sich selbst zelebriert – “bei John Peel gehört”, wie immer selbstreflektiert und mit der Sicherheit einer schunkenlnden See, die gegen den erfahrenen Lotsen wankt, auf den Punkt formuliert verbleibt “Das Handbuch zum Leben” als The Call für Freidenker. Zumindestens meine Wenigkeit hat sich sehr gefreut, als die Neuigkeit durchsickerte, Fehlfarben bringen 2010 ein neues Album zum geneigten Hörer. Peter Hein veröffentlicht erst sein Buch. (Als fast-Blinder hoffe ich noch auf ein Hörbuch, entweder von Peter oder von Christian Ulmen gelesen)

Und dann der Kracher. Fehlfarben veröffentlichen ihr neues Album “Glücksmaschinen”.

Was erwartet euch? “Die Platte klingt überraschend gut” titelt Die Zeit. Wieso seid ihr Zeitler überrascht? The Gap wird da schon präziser: “Musikalisch ist die Band ebenso am Punkt, wie mit den Texten. Keine Atempause”

Und was meint der Torsch? Der Pyrolator macht Präzisionslyrik von Peter tanzbar.

Der erste Track, wie es so schön neu-deutsch heißt, wobei neu-deutsch eigentlich ein Euphemismus für “wir wissen es nicht besser” ist, hat mich gleicht eingefangen. Meine Wenigkeit hatte vor der Ersthörung sehr oft Rainald Grebes “Es gibt kein richtiges Leben im Falschen” gehört. Sogehört war mein Einstieg in das neue Album sehr leicht, auch wenn der Ansatz von Fehlfarben in eine etwas andere Richtung geht. “Warnvögel kaufen.” steht wohl für Beide. Untypisch, so wie die Band bringen sie den, oh ich verhassliebe das Wort Titeltrack, Brian Molko kann es aber so schön aussprechen, als ersten Song.

“Glücksmaschinen” fängt zunächst einmal auf lyrische Art alle Versprengten ein, sortiert sie in die Kategorie “Unsortierbar”, kredenzt dem ein oder anderen noch eine Erinnerungsauffrischung und finalisiert mit der Erkenntniss, dass man lebt. Im Grunde ein auf andere gerichtetes “Anders geblieben”, exzellent. Begleitet wird das Ganze mit “The New Wave Of New Wave”esken Tocotronic Gitarren. (Für Ahnungslose: liebevolle Scherzbemerkung) Bemerkenswerter als die Gitarren, die mit den Drums den Grundrythmus vorgeben, ist die intronale Form der sich durch das Album ziehenden Pyrolator-Flächen. Ich persönlich stehe unheimlich auf Gitarre und außer Skinny Puppy und Alien Sex Fiend gibt es keine gute Elektronik, aber der Pyrolator….

“Stadt der 1.000 Tränen” ist nicht nur hier für lau abgreifbar, sondern auch noch gut. Natürlich erinnert der intronale Basslauf an “Leave Me Alone” von New Order. Fette Flächen vom Pyrolator und “Wahnsinn, alles ist gut” dominieren den Song. Vor allem das “alles ist gut” dient hierbei als Anker für die textafinen – besoffenen Islamisten. Nachdem wir die Kanalisierung von Wut und Lust durchlebt haben, Weltenretter (u.a. hier auf .::darkerradio::. zu begutachten, jeden Mittwoch 18-20 Uhr, Greensleeves mit Sven) wenden wir uns dem nächsten Song zu.

Das Intro könnte auch von Skinny Puppy sein, der Pyrolator weiß eben, was er macht, aber dann eröffnet uns erst die Bass-Gitarre und dann Peters Stimme ein “Neues Leben”. In diesem Song ist, je nach Interpretation für jeden etwas dabei. Von Alt-Punk über Gruft-Fontanellen, Gedankennebler, New Age Dancer, New (inzw. wohl eher old) Romantics, 90er Kids…Er ist, wenn man so will, durch den “Absolut Tanzbefehl” eine Art hyperaktive Wunschbox. Für mich persönlich bleibt: “Unser Zug fährt durch, trotz Haltesingnal.” Diesen Zug nehme ich gerne nochmal, steige dann aber um, rausche mit der U9 nach Hause, stehe vor meinem Haus und rauche noch eine Zigarette.

“Ausgeraucht”

Grauschleier im Kopf verharre ich vor meiner Tür und denke “Is this, all that Heaven allows?”. Ich nehme den Ohrstöpsel von meiner Brust, er baumelte dort nutzlos, me is plug-in, kompatibel, Robert Smith, Sänger der Besten Band Der Welt – The Cure – singt: “the further we go and the older we grow, the less we know the more we show.”.

“Ausgeraucht”

“Arm zu sein ist ganz schön teuer.” Und das stimmt. Alleine was man an Kohle verliert, weil man nicht von den ins bodenlose fallenden Leitzins antizipieren kann. “Ausgesaugt und aufgebraucht” ist präzise formuliert, garniert durch den Hinweis auf Gutbürgertum. Schick.

Kohle und wichtige Themen gehen euch auf den Sack? Ihr wollt tanzbare Musik, Party und Schlag den Raab? Ihr wollt leichtbekleidete Menschen, innen und außen? Ihr wollt raus aus dem Mief und die Kluft durchlüften?

Dann wartet ihr auf Erlebnisse – “Im Sommer”. Zwischen Arctic Monkeys und Interpol bewegt sich das musikalische Intro dieses zauberhaften Songs. Man wackelt sofort mit der Plastikhüfte und der Stiefel oder die Pikes müssen im Rythmus mitwipp’O'lieren. Aber spätestens bei “Eiscréme” müssen wir bemerken, dass die Realität schneller ist, als der Wunsch. Doch selbst in dieser Krise überlässt Peter uns nicht nicht der absoluten Ratlosigkeit. Denn im Sommer ist die rechte Zeit….um seinen Horizont zu erweitern und “vielleicht Leute 5″ kennenzulernen.

Jede Sekunde unserer Online-Präsenz bitten, verhandeln oder fordern wir, es gibt kein freies Leben “hier” oder wirklich freie Gedanken. Und selbst wenn, du bist live dabei, wenn es passiert…via livecam oder spätestens bei youtube kannst du die Nachlese finden. Zum Kotzen!!!! Freundezähler…pervers. Und ja, mir ist bewußt, dass ich diesen Artikel in eben diesem Umfeld schreibe. Aber danke der Nachfrage. Dieses Thema sogar tanzbar gemacht, haben Fehlfarben als Konglomerat. Exzellent.

“Wir warten (Ihr habt die Uhr, wir die Zeit)” ist nicht nur ein schöner Titel, dahinter verbirgt sich ein auch nicht weniger bemerkenswert anzuhörender Song. Er ist sicherlich der “mächtigste” Song des Albums, zu Recht als Single ausgewählt, denn so sollen Singles auch sein. Persönlich muss ich sagen, dass mir der Text in einem musikalischen Umfeld á la “Paul ist Tod” besser gefallen hätte. Aber wie heißt es so schön? Irgenwas ist ja immer.

Und dann sind wir auch schon am Ende unserer Fehlfarben – Glücksmaschinen Tour am Lagerfeuer des Terrors angekommen. Was bleibt mir noch zu sagen? Nicht vergessen: Mensch bleiben. Oder bleibt wie ihr seid, das ist schlimm genug. Einen Song gibt’s noch, bevor der Artikel endet. Und das ist, meiner Meinung nach der Beste Song des ganzen Albums. Er kommt zunächst wie eine schweinegeile Dancefloor-Nummer daher, fast schon Discoesk, eine wunderschöne Instrumentalnummer. Aber dann. Und mit dem abschließenden Kommentar “Hör mir mal zu, du Arschloch!” hat man direkt Lust auf noch mehr. Ich schließe mit den Worten eines alten 68er’s: “Abseits ist, wenn das lange Arschloch zu spät abspielt.” (Hennes Weisweiler über Günther Netzer)

Mein Fazit: “Glücksmaschine” von Fehlfarben ist kein Zwischendurch-Snack, es ist ein Rumpsteak mit Kroketten und Preiselbeersouce. Die Flächen und Beats (nennt man das überhaupt so? Ich kenn mich bei den Synth net so aus) vom Pyrolator sind, um im Fußballgenre zu bleiben, weltklasse, die Gitsen, Bass und Drums erheben sich aus der TnWonW-Umgebung und dass Peter Hein exorbitant gute Texte schreibt war bekannt und wurde nur von Bild-Idioten, Stammtisch-Tätern und Patrioten angezweifelt.

Einen FETZ’o'Matic Daumen hoch für das neue Album und einen definitiven Kaufbefehl aus der Letzten Enklave Des Guten Geschmacks!

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VÖ: 12.02.2010 (Tapete Records)

Tracklist:

  1. Glücksmaschinen
  2. Stadt der 1000 Tränen
  3. Neues Leben
  4. Ausgeraucht
  5. Im Sommer
  6. Vielleicht Leute 5
  7. Wir warten (ihr habt die Uhr, wir die Zeit)
  8. Respekt?

www.fehlfarben.com

(Fotos: Kim Frank)